Tagebuch

Seit eienr Weile denke ich, dass es sich anfühlt als hätte ich verschiedene Leben gelebt, einmal als Jugendliche, dann als Single in Berlin und als Mama in Frankfurt. Da fielen mir meine Tagebücher ein, die ich schon seit langem mal wieder lesen wollte, begonnen habe ich am 24.1.1988. Letzten Sonntag war es soweit und ich habe gelesen, und bin aktuell bis 1990 gekommen. Ich habe damals nicht täglich geschrieben, aber dennoch geht es bis 1997, und ich freue mich auf den Rest.

Es sind 11 Hefte, die als Beitragsbild abgebildet sind und da musste ich schon sehr lachen. Die Umschläge sind wahrscheinlich aus der Zeitschriften, die ich damals gelesen habe, Mädchen, Girl (keine Werbung, trotz Nennung. Ich weiß nicht mal ob die Zeitschriften nocht existieren). Der Pubertätseinfluß mit den damaligen Interessen ist auf jeden Fall erkennbar :-).

Historisches 🙂

Ich begann also mit etwas über 12 Jahren zu schreiben und wohnte damals in West-Berlin. Es war die Zeit vor der Wiedervereinigung, somit sind auch historische Ereignisse in diese Zeit gefallen, z.B. der Mauerfall

Ich war hier wohl eher etwas wortkarg und eher nicht historisch interessiert 🙂 Denn in meiner Erinnerung weiss ich noch sehr gut, dass es eine sauspannende Zeit war, dass Berlin so voll war, dass wir zur Schule laufen mussten statt U-Bahn zu fahren, denn diese waren komplett voll. Ich erinnere mich an die Schlangen vor den Banken für das Begrüßungsgeld und daran, dass ein Supermarkt in Rudow (war damals Grenze) tagsüber schließen musste um die Regale aufzufüllen. Sie kamen einfach nicht hinterher. Es war eine tolle Zeit mit besonderer Atmosphäre in der Stadt.

Dennoch lernte ich beim Lesen auch Historie, denn in meinen Beitrag vom 16.6.1988, sage ich:

17. Juni = Tag der deutschen Einheit? Hä??? Hmm, an der Siegessäule Richtung Brandenburger Tor gibt es die Straße des 17. Juni, aber mehr wusste ich nicht. Recherche ergab, dass der 17. Juni in der BRD ein Feiertag war, denn er erinnerte an den 17. Juni 1953 als es in der DDR einen Aufstand gab. Ab 1954 war er in der BRD ein Feiertag.

Kultur: Kino und Musik

Ich gehe gern ins Kino und heute viel zu selten, aber als 12/13-jährige ging ich definitiv häufiger hin. Ich habe also noch Karten von Kinos, die es inzwischen nicht mehr gibt

Und habe auch Klassiker in der Originalzeit gesehen und sehr differenzierte Filmkritiken geschrieben 🙂

Sogar die Autogrammkarte der BRAVO (keine Werbung, trotz Nennung) habe ich noch.

Nicht zu vergessen meine Musikliste von März 1988. Hammer! Auch hier durfte die Sticker der BRAVO nicht fehlen.

Ereignisse und Pläne

Ich schreibe über Ereignisse, die ich schon lange vergessen hatte, z.B. waren wir auf Klassenfahrt in Westdeutschland. Ich ging dort im Wald spazieren und treffe auf einen Soldaten mit Waffe. Erschrocken hebe ich die Hände und sage: „Bitte nicht schießen.“ Er sagt:“Do you speak English?“. Offensichtlich war das Schullandheim in der Nähe eines Übungsgeländes der Allierten damals. Es ging alles gut aus, denn ich holte ein paar Mitschüler und wir schauten uns das Lager an.

Beim Lesen stehe ich meinem pupertierendem Ich gegenüber, es ist schön sie zu treffen. Obwohl ich vielleicht Schimpfe kriegen würde, denn ich habe meine Leben nicht wie von ihr geplant verbracht.

Beruflich: Plan war eine berühmte Schauspielerin zu werden. Aktuell: Bin ich nicht geworden. Hmm, vermute die Theater-AG hat als Referenz nicht gereicht. Dennoch, man weiß ja nie was noch kommt und sollte ich mein Plan dennoch aufgehen, wären diese Tagebücher echt was wert 🙂 Nachteil bei dem Plan wäre, dass andere Menschen sie dann lesen würden und das möchte ich nicht. Es sidn ja MEINE Tagebücher 🙂 Dann hat mich Psychologie interessiert, habe ich nicht studiert, würde mich heute aber auch noch reizen. Aktuell: Hier könnte ich ja noch machen…

Privat: Mit meinem ersten Schwarm hatte ich sehr konkrete Pläne. Wir wollten heiraten, ein Haus in Spanien haben und zwei Kinder kriegen. Die wollten wir Pierre und Michelle nennen. Aktuell: Wir haben nicht geheiratet und auch keine Kinder bekommen. Meine Vermutung ist, dass keiner von uns beiden sich getraut hat zu sagen, dass er/sie die Namen nicht mehr mag und wir deshalb lieber gar nicht erst geheiratet haben 🙂 Oder was denkst Du lieber D.?

Beruflich und privat würde mein jugendliches Ich wohl sagen: „Failed“ :-), doch es fühlt sich gar nicht so an. Alles ist gut und richtig so wie es aktuell ist!

Perspektiven

Es ist wunderbar auf all die Leute wiederzutreffen, sich an Dinge zu erinnern, die ich vergessen hatte und auch Dinge zu lesen, die auch beim Lesen als Erinnerung nicht zurück kehren. Es ist sehr interessant zu sehen, wie anders die Perspektive eines Kindes im Vergleich zum heutigen Ich ist. Eine Klassenkameradin hat damals Gewalt in der Familie erfahren und kam ins Heim. Als Erwachsene schockt mich das zutiefst. Als Kind schien es eine bekannte Tatsache in der Klasse gewesen zu sein. Es wirft erst jetzt bei mir Fragen auf – wie ist man damals damit umgegangen? Hat die Schule etwas gemacht? Wie geht es ihr heute? Diese Fragen werden bleiben.

Während des Lesens und dann danach ist es als würde ich in zwei Welten wandeln und das macht mir Spaß. Es kommen auch viele schwere Ereignisse jener Zeit zurück, sie werden präsent, doch auch diese gehören zu meinem Leben. Ich „treffe“ Leute, mit denen ich heute noch gut befreundet bin und es ist toll sich an die Anfänge zu erinnern. Ich bin zutiefst dankbar diese Bücher zu haben! Bin gespannt auf die weiteren Einträge…

Anmerkung

In meiner Vorstellung sahen die Bilder der Originaltexte anders aus: es sollte so fancy verschwommen sein, was man nicht lesen soll und der Rest sollte gestochen scharf sein. Das übersteigt aber meine Bildbearbeitungskenntnisse. Also holte ich mir Rat. Da bekam ich zu hören, dass ein Balken auf dem Bild um Dinge unkenntlich zu machen bei mir sehr authentisch wirken würden, denn auch meine anderen Bilder seien ja eher amateurhaft. Nach einem Augenblick der Kränkung erkannte ich die Wahrheit und die Möglichkeit in diesen Worten. Es stimmt, ich kann meine Bilder nicht gut bearbeiten, aber den Text wollte ich schreiben und wenn ich die Balken nutze, dann kriege ich was mir wichtiger ist.

Et voila.

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